Diplom

Chiara Dazi: Wandertage

Ihr rechter Fuß baumelt auf der Seite der Stadt. Der linke auf der anderen Seite des Ortsschildes. Rechts stehen die Eltern, Verwandte und Freunde. Alle schauen nach oben. Josefa sitzt auf dem Schild. Sie wirft zuerst ihr Gepäck und dann ihren Stock nach unten.

Sie schaut das letzte Mal nach rechts auf ihre Heimat und lässt sich vertrauensvoll nach links herunterfallen. Sechs fest verbundene Armpaare fangen sie sicher auf.

Sie dreht sich jetzt nicht mehr um: Josefa lässt sich von ihrer neuen Familie in die Fremde führen und darf sich während ihrer Wanderschaft ihrem Heimatort nicht mehr nähern. Ich stehe auch rechts des Ortsschildes. Als die Wandergesellinnen die nächste Kurve erreicht haben, renne ich ihnen hinterher. Ich habe keinen Stock, keinen Hut, aber eine Kamera: ich laufe in die Fremde mit.

12 x 16 cm, 64 Seiten, Hardcover. Auflage: 150 Exemplare.
Das Buch kann auf Chiaras Webseite bestellt werden.

Agnes Sofie Varisella: Bar Mleczny | Diplom

Bar Mleczny. Ein Ethnologe in der Milchbar.

»Gesellschaft als Tischgesellschaft zu denken heißt, die gesellschaftliche Realität durch das Essen zu begreifen. Zwar isst der Mensch nicht ununterbrochen, aber die vielfältigen Dinge, die für die Produktion, die Zubereitung und den Genuss von Essen unerlässlich sind, konstituieren ein beträchtliches Ausmaß der gesellschaftlichen Realität. Immer noch scheint es den meisten Menschen als ganz selbstverständlich, dass die Art und Weise, wie sie essen, keine wirkliche bedeutende Angelegenheit ist. Doch mit der unwichtigen Kleinigkeit des Essens werden auf eine untrennbare Weise ökonomische, politische, alltagskulturelle, diätetische und der gleichen gesellschaftliche relevante Dinge aufgetischt.«

Bar Mleczny, übersetzt Milchbar, ist eine Art Kantine, die zur Zeit des Kommunismus in Polen sehr verbreitet war und momentan immer mehr aus dem Stadtbild zurücktritt. Die Bar bietet eine preisgünstige, traditionelle, polnische Küche an. Ihre Speisen sind auf einer Pinnwand mit Magneten abgebildet, und man kann viertel, halbe oder wie üblich ganze Portionen bestellen. Im Speiseraum finden sich Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten wieder. Bankiers, die zu Mittag essen, Studenten, Dachdecker, ältere Herrschaften, wie auch Obdachlose, welche die übrig gebliebene Brotreste von der Tischkante zusammenschieben und aufnehmen. Man setzt sich an einen freien Platz, an einen Tisch, an dem bereits Menschen unabhängig von einander sitzen und speisen. Meine Beobachtungen ergaben, dass zwischen den am Tisch sitzenden Menschen keine Berührungsängste, aber auch wenig Kommunikation stattfindet. Es geht ums Essen.

Es ist ein Thema, das soziale und kulturelle Aspekte anspricht und typische Verhaltensmuster der Menschen in Polen wiedergibt. Zu untersuchen war eine Speise- und Denkkultur, die sich mit dem Fortschritt der Modernisierung verändert und in den nächsten Jahren abnimmt, bis sie vereinzelt noch gegenwärtig sein wird.

Die Umsetzung meines Themas erfolgt durch den Gebrauch unterschiedlicher Medien.

Der Fokus meiner Arbeit liegt auf dem Bild. Ich definiere es als das fotografische Bild, welches sich in zwei Bildstrecken unterteilt, Video als bewegtes Bild, welches auf einer Interventionen basiert, ethnologische Texte begleitend durch einen Kompendium als Printmedium. Das Format des Printmediums gliedert sich in vier unterschiedliche Formate und Formatgrößen. Die Wahl der unterschiedlichen Formate macht sich daran fest, dass ich bei den Bild- und Textstrecken bereits zu Beginn meiner Arbeit in unterschiedlichen Formaten gedacht habe und diese nicht in einem Buch zusammenführen wollte, denn dabei würden sich die Bildstrecken und die Textebene dem einen Format unterordnen müssen. Aus dem Verständnis heraus, sich diesem einen Format nicht anzupassen, folgte die ungekehrte Schlussfolgerung und somit passte sich das Format meinen Bildstrecken an. Daraus entstanden die vier unterschiedlichen Formate, die jedoch im Verhältnis zueinander stehen. Zudem erhält das Printmedium durch diese Formate eine Dreidimensionalität, geht somit in den Raum und beinhaltet einen Raum.

Mein Ausgangspunkt ist eine inhaltliche Auseinandersetzung in den Bereichen Design, Kunst und Kultur. Diesem wird eine visuelle und verbale Form gegeben, mit dem Ziel das Projekt in eine erlebbare Dramaturgie zu übersetzen. Die Auslegung meiner Arbeit überlasse ich jedoch der Vorstellungskraft des Betrachters.

Ich versuchte in meiner Arbeit Kunst und Kommunikationsdesign zu verbinden. Die Auslegung meiner Arbeit überlasse ich jedoch der Vorstellungskraft des Betrachters.

www.agnesvarisella.de 

Jennifer Braun: Mora | Diplom

In meiner Arbeit beschäftige ich mit mit der Überlagerung von Raum, Zeit und Licht. Der kurze Moment der daraus resultierenden Transparenz wird durch die Aufnahme in die Länge gezogen. Temporäre Raum- und Flächengebilde entschleunigen die Zeit. Ich zeige den Zustand zwischen innen und außen.

Weiße Folie umschließt Bäume und Wiesen, eine dicke Nebelschicht legt sich auf die Felder und Schnee bedeckt die Landschaft. Die Natur ist in einen Mantel gehüllt. Ich lasse Folien zu fragilen Konstrukten werden, die nur temporär für die Dauer der Aufnahmen existieren.

Die skulpturalen Raumgebilde sind ein Zusammenspiel aus Verdichtung und Auflösung, aus Nähe und Entfernung. Die Konturen der temporären Membranen sind nicht immer klar, sie verschwimmen, so dass fließende Objekte entstehen. Die Trennschichten zwischen innen und außen sind teilweise undeutlich. Eine klare Abgrenzung ist nicht mehr möglich. Obwohl die Folien teils so verdichtet sind, dass sie für Blicke von außen undurchdringlich sind, scheinen sie fragil. Äußere Einflüsse, wie etwa ein Windstoß, können sie ins Wanken bringen.

www.jennifer-braun.de